Eine esoterische Lesart des Morgens, an dem nicht ein Tier, sondern das Ego geschlachtet wird
Die geheime Bedeutung des Opfers: eine esoterische Lesart dessen, wo das Messer in Wahrheit fallen muss. Im Li
esoterische Bedeutung des Opfers — Das Opferfest (Eid al-Adha) ist im gewaltigen Rhythmus des Kosmos ein Symbol der Einheit und des Zusammenseins, das für die gesamte muslimische Welt eine tiefe Bedeutung trägt. Doch die innere, esoterische Bedeutung des Opfers liegt weit jenseits dieser äußeren Szene; sie ist in einer Reise verborgen, die der Mensch unmittelbar in sich selbst hinein antritt. In seinem überlieferten, formalen Sinn kennt man das Opfer als das rituelle Darbringen eines Tieres, das Vergießen seines Blutes und das Teilen seines Fleisches mit den Bedürftigen. Doch im Trubel des Alltags übersehen wir so oft die gewaltige universale Wahrheit, die hinter diesem Ritus liegt.
Durch das Fenster der spirituellen und esoterischen Weisheit betrachtet, ist der Akt des Opfers nicht bloß eine körperliche Tat. Er ist ein großartiges Symbol des größten Schrittes, den die menschliche Seele auf ihrer Reise der Evolution vollziehen muss.
Bevor wir mit unserer existenziellen Analyse beginnen, hilft es, die wahre Bedeutung des Opfers in Erinnerung zu rufen. Das Wort qurban bedeutet in seiner Wurzel „sich nähern“ — Gott nahe zu kommen. Die heiligen Quellen betonen, dass das eigentliche Ziel des Opfers nicht das Vergießen von Blut ist; es besteht darin, dass der Mensch um des göttlichen Willens willen die grobe, selbstsüchtige und triebhafte Natur in sich schlachtet — das nafs, das Ego. Das wahre Opfer ist das Bemühen, spirituelle Reinheit und Gottesbewusstsein zu erlangen, indem man die eigenen schlechten Eigenschaften, den Stolz, den Zorn, die übermäßige Anhaftung an die Materie und die falsche Persönlichkeit darbringt. Das geschlachtete Tier wiederum ist nichts anderes als eine veräußerlichte, konkrete Darstellung der noch ungeläuterten Urtriebe in uns.
Nun wollen wir die esoterische Bedeutung des Opfers Schritt für Schritt im Licht der universalen Gesetze und der zeitlosen Quellen entfalten.
Der historische und symbolische Ursprung des Opferritus geht darauf zurück, dass Abraham in einem Traum aufgefordert wurde, seinen Sohn darzubringen. In der äußeren Lesart ist dies die Prüfung eines Vaters — sein Kind auf Gottes Geheiß hinzugeben. Doch in der esoterischen, spirituellen Lesart ist die Wirklichkeit, die die Geschichte erzählt, weit erschütternder.
Wie Ibn Arabi mit großer Feinsinnigkeit in seinem unsterblichen Meisterwerk Fusus al-Hikam (Die Ringsteine der Weisheit) hervorhebt, sind Adam, Eva und ihr Kind nichts anderes als die Zergliederung und Wiedervereinigung eines einzigen Wesens. Da Mutter, Vater und Sohn aus demselben Ursprung, demselben Wesen stammen, ist das Opfern des Sohnes durch den Vater im Traum in Wahrheit das Opfer seines eigenen Teils — und damit seines eigenen Ego. Ibn Arabi merkt an, dass Isaak seinem Vater im Traum als Mensch erschien, in der Welt der Sinne jedoch als „Widder“; und dass der Widder, der geschlachtet wurde, in Wirklichkeit Abrahams eigenes Ego war. Die gewaltige Tat der Hingabe des Propheten um der Nähe zu Gott willen war nicht das Schlachten eines vom Himmel herabsteigenden physischen Widders, sondern die Kraft, sein stärkstes Band, seine mächtigste weltliche Liebe, um des Göttlichen willen zu opfern.
Zum Beispiel: Man stelle sich einen Menschen vor, der sein ganzes Leben seiner Karriere, seinem Titel und dem verdienten Geld gewidmet und seine gesamte Identität auf diesen weltlichen Errungenschaften aufgebaut hat. Dieser Status ist für ihn wie ein geliebtes „Kind“, das er um jeden Preis schützen würde. Eines Tages verlangt sein Gewissen von ihm, sich gegen ein Unrecht zu stellen — selbst auf die Gefahr hin, diese geschätzte Stellung zu verlieren. In dem Augenblick, in dem er diese Stellung mit dem Handrücken von sich weist, statt ein Unrecht zu begehen, opfert er seine größte Schwäche um der göttlichen Gerechtigkeit willen. Der Friede, der dann von oben herabsteigt, ist der Augenblick, in dem das Ego geschlachtet und das Gewissen befreit wird.
Von der Form zum Wesen: Nicht das Tier, sondern die Urtriebe werden geschlachtet
Die Schule der Welt ist ein gewaltiges Laboratorium, das errichtet wurde, damit die Seele sich selbst erkenne und läutere. In diesem Laboratorium ist der größte Feind des Menschen wiederum er selbst — die tierischen Instinkte, die Ambitionen und die unstillbaren Begierden, die er in sich trägt.
In Ibn Arabis unvergleichlichem esoterischem Kommentar (Ta’wilat) wird die spirituelle Dimension des Opfers in großartigen Worten erklärt: Um zu Gott zu gelangen, muss der Mensch „das Opfer des Ego aussenden und es neben der Kaaba des Herzens schlachten“. Wie das Werk feststellt, besteht das wahre Ziel des Darbringens der größeren Tiere darin, dass der Mensch das edle, doch störrische, unbeugsame Tier des Ego in sich — mit den Speeren des Widerstands und den Messern des inneren Kampfes — schlachtet und es so Gott hingibt.
Die Bedeutung des Aktes ist in einer leuchtenden Zeile zusammengefasst: „Nennt den Namen Gottes über ihnen, indem ihr euch in Seine Eigenschaften kleidet und eure eigenen Eigenschaften in Seinen Eigenschaften auslöscht. In Gottes Weg zu opfern, ist genau dies.“ Mit anderen Worten: Während wir glauben, das Messer an die Kehle eines Tieres zu setzen, sind wir auf der spirituellen Ebene gebunden, das Opfer unseres eigenen Selbst zu schlachten. Solange wir den unstillbaren Stolz in uns nicht abschneiden, die grobe Arroganz, die sagt „Ich weiß es am besten“, die scharfe Zunge, die andere unaufhörlich kritisiert, hat das Blut, das wir vergießen, keinen Wert in der universalen Ordnung. Ja, der Koran verkündet: „Weder ihr Fleisch noch ihr Blut erreicht Gott; sondern eure Frömmigkeit erreicht Ihn“ — und stellt damit nicht die körperliche Tat, sondern die spirituelle Absicht, das Wesen, in den Mittelpunkt.
Ein Gleichnis aus dem Leben: Man stelle sich einen Meisterbildhauer vor, der vor einem großen Marmorblock steht. Dieser Block — der unser grobes Ego und unsere tierischen Triebe ist — birgt in sich eine makellose Menschenstatue, den Vollkommenen Menschen. Jedes raue, zackige Stück, das der Bildhauer mit Meißel und Hammer abschlägt und fortwirft, ist in Wahrheit ein Akt des Opfers. In dem Maße, wie der Überschuss — Zorn, Hass, Begierde, Lüge — abgetragen wird, bleibt jenes glatte, göttliche Kunstwerk zurück: der wahre „Mensch“.
Die esoterische Bedeutung des Opfers und ihr Platz in der universalen Evolution
In Pozitif Yaşam (Positives Leben) bietet der türkische spirituelle Meister Ergün Arıkdal eine revolutionäre Erklärung des Opfers. Wie Arıkdal betont, hätte der Akt längst aufgehört, ein körperliches Gebot zu sein, wäre die wahre Bedeutung des Opferns von den Menschen wirklich verstanden worden.
Da die Menschen sich jahrhundertelang nur auf die äußere Seite des Opfers konzentriert und nie recht erkannt haben, „was zu opfern ist“ im Inneren, hat das göttliche System diesen symbolischen Ritus als Ritual im Leben des Menschen wachgehalten. Doch was der universale Mechanismus der Lenkung vom Menschen verlangt, ist, dass er die Unwissenheit, die Trägheit und die selbstsüchtigen Begierden opfert, die seine eigene Evolution behindern. Will der Mensch zu jener großen Einheit, jener Schöpferischen Kraft im Kosmos aufsteigen, so muss er die falschen Werte aufgeben, die seine Füße beschweren. Andernfalls kann das Vergießen des Blutes von Tausenden Tieren Jahr für Jahr ihn nicht einen einzigen Schritt über sein automatisches, maschinenhaftes, schlafwandelndes Dasein hinaustragen.
Eine psychologische Läuterung: Das Opfern negativer Emotionen
Eine weitere große Dimension des Opfers ist psychologischer Natur. Wir alle erzeugen im täglichen Leben unablässig negative Emotionen. Wir nehmen Anstoß, wir fühlen uns verletzt, wir glauben, uns sei Unrecht geschehen, wir tratschen, und in uns selbst richten wir unaufhörlich über andere.
Wie Maurice Nicoll in seiner monumentalen Reihe Psychological Commentaries on the Teaching of Gurdjieff and Ouspensky erklärt, ist die Idee des Opfers — des Aufgebens — in allen esoterischen Lehren gegenwärtig. Doch diese Lehren verlangen vom Menschen, nicht Schafe oder Rinder zu opfern, sondern sein eigenes Leiden, seine negativen Emotionen, sein Verlangen, recht zu behalten. Wie Nicoll zutreffend feststellt, gibst du etwas — wenn du es aufrichtig aufgibst, wenn du es opferst — die Chance, sich in eine höhere Kraft zu verwandeln. Der Mensch ist so verliebt in seinen eigenen Schmerz und seine negativen Emotionen, dass ihr Aufgeben sich anfühlt wie Sterben. Der Zorn, den wir in uns hegen und der ruft „wie konnten sie mir das antun!“, ist in Wahrheit das verhätscheltste Haustier, das wir halten. Und das wahre Fest, der wahre Morgen des Opfers, ist der Morgen, an dem ein Mensch — mit einer abrahamitischen Hingabe — diesen Zorn, dieses Anstoßnehmen, diesen „Ich habe recht“-Stolz erbarmungslos abschneiden kann. Wenn du jene negative Energie in dir opferst, wird sie befreit, springt auf eine höhere Ebene und wird in dir als Verständnis, Mitgefühl und Einsicht neu geboren.
Ein Beispiel aus dem Alltag: Man stelle sich jemanden vor, der sich vor Jahren wegen eines belanglosen Wortes mit einem Verwandten überworfen und in seinem Herzen einen Berg von Zorn und Groll gegen ihn aufgetürmt hat — einen Groll, der ihn still von innen zernagt. Der Morgen des Festes bricht an. Dieser Mensch mag glauben, seine religiöse Pflicht erfüllt zu haben, indem er einen physischen Widder schlachtet und das Fleisch verteilt. Doch das wahre Opfer besteht darin, dass er zum Telefon greift und mit einem einzigen Messerstreich den Stolz niederstreckt, der flüstert „aber sie hätten den ersten Schritt tun sollen, ich bin es, der recht hat“ — und dass er jenen Verwandten anruft und sagt: „Ich vergebe dir; frohes Fest.“ Wo der Stolz geopfert wird, erblüht die Blume der Liebe.
Die innere Bedeutung des Teilens des Opferfleisches
Ein untrennbarer Teil des Opferritus ist die Verteilung des Fleisches an die Armen, die Bedürftigen und die Nachbarn. Im Sinne der sozialen Solidarität ist dies ein großartiger Akt. Doch was ist seine spirituelle, kosmische Dimension? Wen und womit sollen wir in Wahrheit speisen?
Ibn Arabis leuchtender Kommentar zu diesen Versen lautet so: Das Opferfleisch ist eben der gute Charakter, die Fähigkeiten und die spirituellen Gewinne, die ein Mensch durch sein Streben auf dem Weg Gottes erlangt. Das Gebot, „die Armen zu speisen“, bedeutet daher nicht nur denjenigen, dessen Magen leer ist, sondern das Speisen derer, die im Hinblick auf spirituelle und sittliche Tugend gehungert haben — unserer eigenen inneren Kräfte, die aus Mangel an Pflege schwach und matt geworden sind, ebenso wie der unbewussten Menschen um uns herum.
Mit anderen Worten: Wer wahrhaft etwas geopfert hat, muss das spirituelle Licht, die Liebe und die Toleranz, die er gewonnen hat, an jene um ihn herum verteilen, die nach dem Geist hungern. Das Herz eines Menschen nicht zu brechen, einem Müden und Beladenen zuzuhören, ihm Hoffnung einzuhauchen — das heißt, das Fleisch des inneren Opfers, also das eigene Mitgefühl, einer bedürftigen Seele zu speisen. Spirituelles Wissen mit jenen zu teilen, die die Wahrheit suchen, das Dunkel ihrer Unwissenheit zu erhellen, ist die größte Gabe, die man geben kann.
Schluss: Das Fest des Erwachens
Wie Dr. Bedri Ruhselman uns in seinem tiefgründigen Werk Mukadderat ve İcabat (Das Schicksal und seine Erfordernisse) wachzurütteln bemüht ist, sind alle Handlungen und Verhaltensweisen des Menschen ein Erfordernis der Gesetze des Göttlichen Willens; alles ist so eingerichtet, dass es das Verdienst des Wesens erweitert.
Hören wir am Opferfest auf, schlafwandelnde Wesen zu sein, die bloß ein Ritual vollziehen, und öffnen wir unser Bewusstsein für die universalen Wahrheiten. Erkennen wir, dass das, was zu schlachten ist, der Stolz, die Selbstsucht, die Lüge, die Faulheit und die Lieblosigkeit ist, die wir jahrelang in uns gemästet haben. Während wir uns einem physischen Tier mit Achtung und Dankbarkeit nähern, wollen wir nicht vergessen, dass der Ort, an dem das Blut in Wahrheit fließen muss, unser eigenes Ego ist.
In dem Maße, wie wir unsere Schwächen den göttlichen Gesetzen übergeben und sie opfern, werden wir leichter werden; und in dieser Schule namens Welt — befreit von Ängsten, von Schmerz und von mechanischen Reaktionen — wird jeder von uns zu einem freien, leuchtenden und mitfühlenden bewussten Menschen werden: dem Vollkommenen Menschen (Insan-i Kamil).
Möget ihr eine wahre Auferstehung erleben, in der das selbstsüchtige und grobe „Ich“ im Inneren geopfert und an seiner Stelle ein liebendes, universales und leuchtendes „Wir“ geboren wird. Möge euer Opferfest ein Anlass für euer spirituelles Erwachen sein.
QUELLEN
Ibn Arabi, Muhyiddin. Fusus al-Hikam (Die Ringsteine der Weisheit).
Ibn Arabi, Muhyiddin. Ta’wilat (Esoterischer Koran-Kommentar).
Nicoll, Maurice. Psychological Commentaries on the Teaching of Gurdjieff and Ouspensky.
Ruhselman, Dr. Bedri. Mukadderat ve İcabat (Das Schicksal und seine Erfordernisse).